Was Mütter so erzählen

Heute um kurz vor zwei stand der Fortgang dieser Produktion auf Messers Schneide. Kaum kam ich aus dem berüchtigten Filmkeller unseres Instututs, da hörte ich es, dieses Geräusch, das nichts Gutes heißen konnte. Ganz gleich dem Geräusch des Emaileintreffens, wenn die Nachricht schlechte Neuigkeiten enthält, brannte auch dieses Geräusch Löcher ins Trommelfell.

Ein Sausen, man könnte es auch als Flirren oder Pfeifen beschreiben, das ich die letzten zwei Stunden zwar auch schon gehört hatte, jedoch auf die hervorragende Präsentationstechnik des Filmkellers zurückführte, durchbrach die nichtvorhandene Stille. -TINITUS-

Sofort schnellten Bilder in meinem Kopf hervor, wie sich Tinituserkrankte vor Verzweiflung die Kugel gaben, oder die Worte einer meiner Freundinnen Edith, die zwar auch darunter leidet, aber Kraft ihres Intellektes dieses Geräusch “rausfiltern” kann. Da ich weder eine Pistole besitze (durchaus ein Problem bei der deutschen Waffengesetzgebung), noch über ausreichende mentale Kräfte ein eingebildetes Geräusch wieder auszubilden, begann ich zu verzweifeln.
Man kann keinen Film drehen, wenn man Dinge hört, die sonst keiner hört; spätestens wenn man sich vorstellt, wie der arme Tonmann angeschrien wird, er solle das Pfeifen rausregeln, ein Pfeifen, das außer durch Dr. Ediths Filtertechnik nicht zu regeln ist, spürt man die Problematik dieser Situation. Naja, zwei Monate rumpfeifen, das ginge ja noch, solange am 30. Juli wieder alles gut sein würde… also einfach mal warten.
Doch genau in diesem Moment kam diese Stimme aus dem Off, die Stimme einer Mutter, sogar meiner eigenen Mutter, die sagt:

“Wenn man einen Hörsturz nicht binnen *(hier kommt ein sehr kurzes Zeitintervall, das wegen des Pfeifens kaum zu verstehen war)* beheben kann, wird das chronisch! Ach ja, und räum deine Schuhe weg…”

Panik, Schweißausbrüche, Zeitlupe. Drei Krankenhäuser und eine Mittagspause des HNO-Arztes von 14:00 - 16:00h (wer macht schon zwei Stunden Mittagspause?) und einem Wutanfall über die Unverschämtheit in einer solch kritischen Lage warten zu müssen, später befinde ich mich auf einem Behandlungsstuhl und lausche mit dem noch funktionierenden Ohr den sichtlich erheiterten Ausführungen eines Arztes. Die Nebenwirkungsliste des Medikaments ist lang und dessen Bedeutung verstehe ich nicht, ich merke nur, dass sie lang ist und ich die Bedeutung nicht verstehe und dass “blutiges Magengeschwür” vorkommt. Außerdem gäbe es keine Erkenntnisse darüber, ob das Medikament überhaupt helfen würde, und sowieso wäre ich ein Winseler, nicht wenigstens ein paar Tage zu warten, ob es von alleine wegginge.

Ich entscheide mich zwar dreimal hin und her, letztlich ist aber klar: Besser einen Film mit blutigem Magengeschwür drehen, als mit Tinitus, da kann nämlich wenigstens der Tonmann nichts dafür. Und selbst wenn ich mit Tinitus und Magengeschwür rumlaufen muss, habe ich wenigstens so ein stylisches Pflaster am Arm, denn das macht bei den Mädels unglaublichen Eindruck.

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