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18.6.2007 von Sebastian.
Lieber Herr Gahr,
ich staunte nicht schlecht, als ich gestern Ihren Brief auf meinem Schreibtisch fand. Auch wenn wir bisher viele, viele Bewerbungen von Schauspielern erhalten hatten, waren doch wenige dabei, die ich selbst zumindest vom Gesicht her aus dem Fernsehen kannte. Noch überraschter war ich als ich Ihren Brief und die damit verbundene lange Liste bisheriger, hochkarätiger Filmproduktionen bewundern durfte. Als mein Vater dann meinte „Michael Gahr, das ist doch einer der bekanntesten Schauspieler Bayerns“, da lief mir schon ein stolzes Lächeln durchs Gesicht und es interessierte mich umso mehr, wie Sie an unser Projekt geraten waren, oder ob es bloß ein zufälliger Treffer sein sollte.
Ich habe mich über Ihre Bewerbung sehr gefreut, und es hat viel Spaß gemacht, Ihr Demoband anzuschauen. Und tatsächlich gibt es in unserem Film eine Rolle, auf die ihr Profil zutreffen würde. Doch es gibt auch ein Problem bei der Sache, ein Problem, das mich in den letzten Tagen geradezu in ein Dilemma getrieben hat.
Die Rolle des „alten Mannes“, von der ich eben erzählt habe, ist bereits jemandem zugesagt worden. Nun weiß ich natürlich auch, dass es noch keinen Vertrag gibt, die Zusage ist bloß mündlicher Natur, und selbst vertragliche Zusagen werden in unserer Branche ja oft „generös“ ausgelegt, gerade dann wenn einer der „bekanntesten Schauspieler Bayerns“ sich für das Projekt interessiert, und damit das Projekt auch zweifellos einen großen Schritt voranbringen würde.
Da täte es dann auch nichts zur Sache, dass dieser Mensch, dem die Rolle zugesagt wurde, ein 84- jähriger Mann aus der Nähe von Köln ist, der sein Leben lang der Schauspielerei entgegensah, sich aber in einer Zeit befand, da man diese Wahl nicht hatte, und nun im Alter seinen Traum verwirklicht. Es würde sogar gegen ihn sprechen, dass er stolz erwähnt, seine Theatergruppe würde nicht als Laien-, sondern als Amateurtheater bezeichnet. Und auch die Tatsache, dass er nun seit Wochen allen Freunden und Bekannten erzählt, er würde in einem richtigen Film mitspielen, würde wohl bloß belächelt.
Ja, und man hätte vermutlich auch Recht und täte gut daran, eine wichtige Rolle, wie die des „alten Mannes“ mit einem sehr viel erfahreneren Darsteller zu besetzen. Da zählt eine einfache Zusage wenig, Geschäft ist Geschäft und Film ist nun mal Geschäft.
So würde man wohl argumentieren. Und diese Argumentation wäre nicht mal schlecht. Und so wurde auch argumentiert, in mir, im Dilemma.
Und doch… Es ist nicht leicht, zu seiner Entscheidung zu stehen, aber wir wollen es versuchen.
Denn wer sonst, wenn nicht wir jungen Filmemacher, hat die Möglichkeit gegen kapitalistische „Geschäft-ist-Geschäft-Marotten“ einer Branche anzukämpfen, die sich selbst für „Kunst“ hält? Auch wenn es nicht leicht ist, den Spieß, den man selbst oft genug zu spüren bekam, beiseite zu legen.
Aber wer sonst, wenn nicht wir, sollte an Dingen wie einem gegebenen Wort festhalten?
Ich hoffe, lieber Herr Gahr, sie bringen Verständnis auf für diese Entscheidung, die ich mir wirklich nicht leicht gemacht habe. Und ich würde mich sehr darüber freuen, wenn ich Sie dennoch im Hinterkopf behalten dürfte, denn ich möchte Sie wirklich gerne kennen lernen. Vielleicht ergibt sich ja noch eine Rolle bei diesem Projekt oder beim nächsten.
„Du hättest doch den Gahr nehmen sollen“ werde ich vielleicht in wenigen Wochen denken.
„Ja, aber ich konnte nicht. Und du auch nicht.“ Werde ich mir dann selbst antworten.
In diesem Sinne verbleibe ich mit
freundlichen Grüßen
Sebastian Hilger
footsteps filmproduktion
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