Archive für Juli 2007

Der Tag davor

Hier sind wir nun, Herr R., und werden es wohl schaffen. Leicht war es nicht. Sebi hat Tinitus, ich Magenentzündung und Ralf musste kotzen. Da war Stress, da war Streit, da waren Tränen. Da war Zeit, die verging und nicht verging-immer so, wie man es nicht brauchte.
Bittbriefe, Bettelei, Förderungsanträge, Anschreiben und 249 Briefmarken-mit der Zunge aufgeklebt-und 189 Absagen. Telefonrechnungen für 140 € im Monat, eine 0900-Nummer war auch dabei. 9 Leute im Büro und eine Schildkröte-eng, laut, ein geschriebener Satz, eine Zwischenfrage.

2000 gefahrene Kilometer, Mc Donalds und noch mehr Magenschmerzen, viel Regen, wenig Sonne.

Sechs Computer, 16 Stunden am Tag gelaufen, ein lauter Netzwerkkühler,der Coldplay übertönt. E-Mails, E-Mails, E-Mails, 25 kB, 635 kB und 14 MB. Ein Internet, das mal geht, mal nicht- nach Lust und Laune.

Viele viele Stunden, in denen geredet wird und diskutiert und gefeilt und gekämpft- an Sätzen, die es letztendlich nie ins Drehbuch schaffen.

Streit, wer dem netten, aber nicht besonders guten Schauspieler absagt. Lange Telefonate- Kritik und Lob. Unser Hauptdarsteller, den wir hatten und verloren und hatten und verloren. Drehpläne, stundenlanges Verschieben und neue Telefonate. Prioritäten und Darsteller, für die es sich gelohnt hat.

Krisensitzungen und motivierende Ansprachen. Tage mit schlechter Laune und Katastrophen-Tage mit schlechten Nachrichten.

Die Equipment-Suche ohne Erfolg. Die Angst, keine Kamera zu bekommen. Die Tatsache, keine Kamera zu bekommen und nur noch eine Woche Zeit. Das Gespräch vor dem Haus-Alles absagen? Verschieben? Geht nicht. Eine Liste mit einem Vorteil und 17 Nachteilen. Ein Tag später, die Zusage für zwei Kameras. Haben wir Glück. Haben wir Pech. Sucher kaputt. Und letztendlich doch noch eine Zusage für eine Kamera aus Berlin.

Hier sitze ich nun zum ersten Mal seit Wochen alleine im Produktionsbüro. Nur die Schildkröte ist auch da und denke nach. Zum ersten Mal seit Wochen. Die anderen machen die letzte Besorgungen. Ich darf nachdenken. Jetzt geht es los. Wie wird es wohl werden? Haben wir an alles gedacht? Wahrscheinlich nicht. War es das jetzt, das Beste, was wir rausholen konnten?

Es ist die eine Belohnung, die wir jetzt bekommen. Das eine Mal, das wir alle da sind-wir,die Crew, die Schauspieler und die Filmrolle, die belichtet wird. Die eine Chance, die ich habe, durch das Haus zu gehen wie durch meine Geschichte.

Wenn die erste Klappe schlägt, halte ich die Luft an. Weil ich Angst hab, der Moment vergeht.
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Torschusspanik

Ihr wundert euch vielleicht, weshalb die Blogabstinenz- Zeiten immer länger werden, die Einträge selbst seltener (Ralf), kürzer (Sebi) und schlechter (Nadine) ausfallen als bisher gekannt. Vielleicht wundert ihr euch auch, das auf der Webseite immer noch die News von vor einem Monat prangen, ganz so, als wäre im letzten Monat so rein gar nichts passiert. Aber während ihr erbost von eurer Hollywoodschaukel ruft: “Ja, sind die denn eingeschlafen, läuft denn bei denen garnichts mehr?” und dabei beinahe euren Cocktail verschlabbert, kann ich euch versichern:

Hier schläft niemand. Seit Tagen nichtmehr. Täglich kommen Mitarbeiter der Ausstattung gelaufen, verstört vom arbeiten ohne Pause, die Arme wund von der intravenösen Nahrungsaufnahmeeinheit und werfen Requisiten vor meine Füße, und wollen gar kündigen.
Doch der erfahrene Filmschaffende, mit Sonnenbrille und Regiecappie, lässt sich davon nicht beeindrucken und antwortet trocken: “Du hast doch gar keinen Arbeitsvertrag von dem du zurücktreten könntest!” Ziemlich überrascht und überzeugt trotten sie dann zurück ins Glied, um ihre Arbeit fortzusetzen, die wieder durch eine unnötige Pause unterbrochen worden ist.

Gegen Mittag begebe ich mich dann meistens ins Produktionsbüro. Während ich mit Ordnern beworfen und mit wüsten Forderungen traktiert werde, schreite ich erhaben zu meiner Couch. “Für diese Knochenarbeit wollen wir mindestens das doppelte an Gage!” rufen sie wie aus einer Kehle.
Doch auch davon lässt sich der erfahrene Filmschaffende nicht blenden: “Klar!” sagt er gewieft, “Kein Problem. Denn das doppelte von Null ist immernoch Null! Muahhaha!” Überrascht aber auch etwas erleichtert setzen sie ihre Arbeit fort, die wiedermal von einer unnötigen Pause unterbrochen worden ist.

Am Nachmittag statte ich dann der Drehbuchabteilung einen Besuch ab und prüfe die Spanngurte, die sie zu einer produktiven Einheit mit ihrem Computer verbindet. Meistens lockern sich diese ein wenig, wenn zu sehr daran gezerrt wird. Erbost über diese Nachlässigkeit der Mitarbeiter im Drehbuch-Spanngurte-Kontrollteam ziehe ich die Gurte selbst fester, denn letztlich ist es ja so, dass man ja doch alles selbst machen muss. Jemand ruft mir noch was nach, ich kann es aber nicht verstehen, vielleicht liegt es am Klebeband, das über seinem Mund klebt. Zum Glück reagiere ich auch nicht darauf, das käme einer unnötigen Störung des Arbeitsablaufes gleich.

Gegen Abend besuche ich dann die Kopfhautmassage-Abteilung, die zum Glück logistisch perfekt geplant, direkt neben der Kühles-aber-nicht-zu-kaltes Bier-Abteilung gelegen ist und prüfe gerade bei diesen wichtigen Departments die Qualität der Arbeit selbst.

Dann noch später falle ich erschöpt in meine Hollywoodschaukel und beinahe belastet mich dann das Trinken des aus frischen Früchten und von 15 nackten Jungfrauen handgepresste Cocktailgetränk zu sehr, aber selbst das bekomme ich dann auch noch hin.

Ihr seht also deutlich, zum Schreiben sinnloser Blogeinträge ist in dieser heißen Phase hier wahrlich keine Zeit!

Nadines dritter schlechter Beitrag in Folge

 Heute waren wir neidisch, weil der Regisseur von la boom exclusiv, unserem großen Vorbild, wenn es um das Thema “Gute Storyentwicklung in Filmen” geht, Jeffrey Greengrass heißt. Er heißt zwar gar nicht Jeffrey Greengrass, sondern Jeffrey Berlin Green, wie ich gerade durch google rausgefunden habe, aber Sebi dachte, er heißt Jeffrey Greengrass oder ich hab ihn falsch verstanden, das tut aber bezüglich dessen, was ich jetzt erzählen will, nichts zur Sache.

Wir waren also neidisch, dass der Regisseur Jeffrey Greengrass heißt, weil das natürlich auf der Berlinale mehr Eindruck macht mit so einem tollen Namen von Welt. Deswegen habe ich vorgeschlagen, dass wir so tun könnten, als seien wir Franzosen und habe gesagt:”Sébastien Ilgère”. Denn französische Filme sind immer gut, habe ich Sébastien erklärt, der sich in der französischen Filmwissenschaft noch nicht so gut auskennt wie ich. “Nee”, hat Sébastien gesagt, “französische Filme sind doch immer blöd. Man darf sie halt nur nicht kritisieren, weil sie französische Filme sind.” Das ist ja wohl erst recht ein Grund so zu tun, als wären wir Franzosen und würden einen französischen Film drehen. Ziemlich Avantgarde wäre das, ziemlich mise-en-scène und ziemlich fin de siècle.

Kritik kann ich nämlich kaum ertragen. Ertragen ja, aber nur wenn ich währenddessen auf der Deutzer Brücke stehe und in den Rhein schaue. Zum Glück sagen meistens nur diejenigen, dass unser Drehbuch schrecklich wäre, die es noch nie gelesen habe. Wie das dann wird, wenn die Leute aus unserem Film kommen und sagen, dass er ihnen “jetzt nicht so” gefallen hat? Wenn wir Dr. Uwe Bolls neuesten Film toppen und die Goldene Himbeere gewinnen? Wenn Ed Wood nicht mehr länger der schlechteste Regisseur aller Zeiten ist, sondern Sébastien Ilgère? Keine Ahnung. Das kommt in meinen Vorstellungen nie vor. Ich bin mir eigentlich sicher, dass alles super wird.

Wenn nicht, wäre das wirklich ein Problem. Meine lange Blog-Abstinenz erklärt sich nämlich einzig und allein durch Sébastiens klitzekleinen Hinweis, dass meine letzten zwei Beiträge an Niveau verloren hätten. Naja, Sébastien darf das. Der geht ja auch ansonsten immer mit mir von der Deutzer Brücke runter und tröstet mich.

Ab dem nächsten Beitrag geht’s wieder aufwärts. C’est promis.  

drei kleine Geschichten

Als wir farbbekleckert nach Tapete für die Renovierung der Wohnung der alten Leute suchten, da kamen wir in einen namhaften Farb- und Tapetenhandel in Mayen. Wir gingen zur Information und sprachen unser Anliegen sofort aus:

“Wir suchen nach Tapete, die möglichst billig und hässlich sein sollte!”
-”Nä, dat haben wir net.”

Und tatsächlich, weitere Recherchen im Laden ergaben, dass die hässlichste Tapete der Stadt mit stolzen 23,50€ pro Rolle glänzte, schöne Tapeten allerdings schon ab 4€ zu haben waren. Wir kauften dann eine Mittelhässliche, in einem anderen Laden, für 2€ die Rolle und freuten uns, nicht immer jeden Cent dreimal umdrehen zu müssen.

Als Ralf und ich die Wandbemalung für die WG der Lebemenschen entwarfen, da kamen uns vielerlei Ideen. Ralf schlug vor einen tollen Blitz an der Wand entlanglaufen zu lassen, eine Breite von 60cm hielt er für optimal und zeichnete es auf seiner Zeichnung ein. Ja klar, schrie ich auf, bekannt als Fan von Abklebungen, dann können wir die Kanten des Blitzes schwarz färben und jeweils innen einen Streifen weiß abkleben. Hervorragend, gesagt getan, gerade als wir mit Pinsel und Elan loslegen wollten, merkte Ralf mehr beiläufig an: “Ähm, Dir ist schon bewusst, dass gerade ein überdimensionales SS-Logo an die Wand pinseln?”
“Ähm- Nö!”
Wir haben uns dann für das Tannenbaum-Muster entschieden.

Einmal, als ich einen Blogeintrag schrieb, und der Einzige war, der einen Blogeintrag schrieb, da das postmoderne Konstrukt Ralf noch immer an der Vorschrift seines Eintrages werkelt, und Nadine in Vorträgen darüber feststeckte, dass die Kunst niemals durch den Kommerz beschnitten werden dürfte, da erlebte ich die ganze Grausamkeit der Welt in einem kurzen Moment. Nun, der Beitrag war nicht besonders witzig und auch nicht besonders gut, aber es war zumindest einer. Und man durfte auch nicht vernachlässigen, dass er zumindest einen Scherz hatte, der gar nicht mal so schlecht war. Die Vergangenheitsform ist hier mehr als Form, sie ist Inhalt, denn am Tag darauf merkte Nadine mit verschmitzem Lächeln an, sie habe meinen Beitrag gekürzt, der könnte sonst ihrer Karriere schaden. Gekürzt heißt in diesem Fall: entkernt, herausgerissen, denn nach Verlust des einen Scherzes, blieb nichts als “Windstille”.
In diesem Moment bereute ich, dass ich damals bei der Einrichtung dieses Blogs allen drei Konstrukten Administratorrechte gegeben hatte.

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