Archive für April 2008

Ein Geschenk für Euch!

Da das Warten ja bekanntlich eines der schwierigsten Dinge ist, die Vorfreude aber auch eine der schönsten Freuden sein kann, habe ich für alle treuen Fans ein kleines Bonbon hinterlegt. Viel Spaß.

Wo gehst du hin, Amélie? - Der Beitrag für Kenner

Das Lustige an allen Entscheidungen, die man in seinem Leben trifft und die für einen getroffen werden, ist, dass alles auch ganz anders hätte kommen können. Dann würde man ein ganz anderes Leben führen. Oder man hätte, wie in unserem Beispiel, einen ganz anderen Film. Im Zweifelsfall auch gar keinen Film, da niemand Lust gehabt hätte, so einen Blödsinn zu produzieren. Im Folgenden also extra für unsere Insider eine Version von „Ayuda“, wie es auch hätte sein können. (Jede einzelne dieser oft desaströsen Ideen wurde tatsächlich wenigstens für kurze Zeit ernsthaft in Betracht gezogen):

„Wo gehst du hin, Amélie“ von Sebastian Hilger, Ralf Kohlhaas und Nadine Gottmann

120 min., schwarz-weiß, Normal 16, dafür mit Steadicam und Gleitkamera

Szene 1: Eduard W. (Lutz MacKenzie) wirft einen Blick auf ein Mietshaus. Er hasst Mietshäuser. Ihr findet nicht, dass das Grund für einen 5 bis 10 minütigen Monolog ist? Eduard W. schon. Währenddessen raucht er eine Zigarre.

Szene 2: Wir befinden uns auf dem Dachboden. Die Bewohner stehen um die erhängte Leiche herum. Amok organisiert eine Abstimmung deren einstimmiges Ergebnis ist, dass der Polizist (Jürgen Vogel) aus dem Haus den Fall übernimmt. Warum, weiß man nicht. Wahrscheinlich weil er mit dem rot-weißen Absperrband, das er eifrig um die Säulen spannt, so professionell wirkt. Oder aber weil er kurzerhand die Handys aller Bewohner einsammelt, sodass niemand die Polizei rufen kann.

Szene 3: Amok sieht, wie der Polizist versucht, zu fliehen. Da ihm dies aufgrund eines Schneesturms und weil das Haus auf einer Hallig steht, nicht gelingt, bleibt er letztendlich doch da und übernimmt den Fall. Amok ist jetzt natürlich misstrauisch, sagt aber nichts. Er will lieber den Namen des Polizisten googlen.

Szene 4: Nach dem Fund der Leiche gehen erst mal alle schlafen. Deshalb unterbricht nun eine aufwendige, aber wirre Horrorgeschichte in drei Versionen, in der auch ein Hütchenspieler vorkommt, die eigentliche Handlung. Warum, weiß man wieder nicht. Soll wohl selbstreflexiv sein.

Szene 5: Bei der Befragung der WG rutscht Mia und Nora raus, dass Marilyn und Amok von ihren Eltern missbraucht wurden und ihre Eltern umgebracht haben, aus Versehen, und dass sie Sex haben, obwohl sie Geschwister sind. Üpsilanti!

Szene 6: Bei der Befragung der alten Leute ist der Polizist ganz irritiert von der alten Frau, da sie eine dicke große Sonnenbrille trägt.

Szene 7: Hermann wirft ein Zuckerstückchen auf den Boden. Als er es aufheben will, fällt seine Tasse um, die den Polizisten bekleckert, der aufspringt und dabei den Tisch umstößt, sodass er Helenes Lieblingspflanze mitreißt. Helene ist natürlich sauer. Ihr findet, das klingt nicht sehr lustig? Wäre es auch sicher nicht gewesen. Der Polizist übersieht Hermanns Scheren- oder Messersammlung, da sie von der Packung des gekauften Kuchens verdeckt wird.

Szene 8: Bei Sammy und Kilian öffnet Ben, ein Sportstudent, der den ganzen Tag nur mit Handtuch bekleidet rumläuft, die Tür. Ansonsten ist er ziemlich dumm. Der Polizist merkt das gar nicht, er ist geblendet von der rotgelborangerosanen Wandfarbe der Studenten. Ihm fällt auf, dass es sich dabei um die selbe Farbe wie bei Marilyns Kleid handelt. Der Polizist ist sich sicher: Das ist ein wichtiger Hinweis.

Szene 9: Amok, der alte Schlawiner, verrät dem Polizisten, dass Marilyn Südamerikanerin ist. Das hatte bisher keiner erwartet, da Marilyn blond ist. Sie ist außerdem Amoks Schwester. Verblüffende Ähnlichkeit. Der Polizist bemerkt, während Amok weg ist, ein Rohr in Amoks Wohnung, das auch auf dem Droh-Foto abgebildet ist.

Szene 10: Marilyn läuft während der Gedichte über eine Wiese und spielt abwechselnd mit Schmetterlingen und Seifenblasen. Sie ist ja schon ziemlich verträumt, die Gute.

Szene 11: Der Polizist erfährt durch eine Todesanzeige in der Zeitung, dass noch ein weiterer Mord passieren wird. (Mist, das war eine gute Idee.)

Szene 12: Bepackt mit der Zeitung, dem Droh-Foto, einem Brief, einem Fotoalbum, einem Tagebuch und einem Kalender macht der Polizist sich auf die Suche nach dem Mörder. Übrigens hat Marilyn auf der Rückseite des Fotos auch noch eine weitere Nachricht hinterlassen. Der Polizist merkt allerdings nicht, dass das dieselbe Schrift ist, mit der Helene die Tischkarten beschrieben hat. Hä? Echt multimedial das alles. Der Pfarrer aus der Party-WG beruhigt währenddessen die aufgebrachten Mieter. Sie können das Haus nicht verlassen, weil die Haustür plötzlich verschlossen ist. Auch durch die Fenster kann man anscheinend nicht fliehen.

Szene 13: Nun gerät alles außer Kontrolle. Blumentöpfe fliegen durch die Gegend und drohen, die Bewohner zu erschlagen.

Szene 14: Die Bewohner lösen den Fall. Sie können nämlich die geheime Nachricht entschlüsseln, die Marilyn ihnen hinterlassen hat, indem sie kurz vor ihrem Tod die untersten drei Knöpfe ihrer Bluse öffnete. Sie werfen alle Indizien in eine Kühltruhe und kleben sie mit Klebeband zu. Dann stellen sie sie zu den ganzen anderen zugeklebten Kühltruhen.

Szene 15: Marilyn und der alte Mann fahren mit dem Schiff nach Südamerika.

Epilog: Michi kommt nicht mit Fred, sondern mit C. Wewerka zusammen.

 

Schnitt - endlich

Es ist ein Jammer, man kann es kaum mit ansehen, Tränen steigen hoch, sie zurückzuhalten fällt schwer, dann ein Schmerzensschrei und ich kann mich nicht mehr halten. Ich liege bei Aron im Wohnzimmer und weine bitterlich.
Schnitt - endlich.

Filme drehen ist emotional. Vielleicht deshalb, weil jedes einzelne Detail so schwierig ist. Jenny bastelt 15 Minuten an dem Sack, aus dem die Scheine rauspurzeln sollen, aber nicht das scheinähnliche Füllmaterial, Moritz bastelt 35 Minuten an der Kante für Marilyn, die zwar ihre Haare betonen soll, aber nicht den hässlichen Schatten auf die Wand werfen darf. Meine Mama bastelt 3 Wochen daran, ein leerstehendes Haus in ein bewohntes Haus zu verwandeln. Nadine, Ralf und ich basteln zwei Jahre daran, einen Film zu drehen.

Und was hat man letztlich in der Hand? - Einen Briefumschlag mit blauen Magnetbändern, das ist alles. Zehn blaue Bänder, das ist unser Film in einem Umschlag. Zwar ist das nicht irgendein Briefumschlag, er ist mit Bläschenfolie augelegt, trotzdem ist die Adresse auf dem Aufkleber vorne falsch, so geht die Rechnung erstmal an die KHM, anstatt an Footsteps. Und weder Bläschenfolie noch falscher Aufkleber beschützen Nadine davor, diesen Umschlag bei McDonalds zu vergessen.
“Ihre Tüte” - ruft uns die nette McDonalds- Frau hinterher. “Achja, beinahe vergessen, unser Film! Danke. Ach, und das ist ein Umschlag, trotzdem danke!” erwidern wir.

Unendliche Mühen konzentrieren sich in einem Briefumschlag. Im Grunde müsste der Umschlag glühen, oder zumindest so schwer sein, dass er bei Bodenkontakt sofort bis zum Erdmittelpunkt durchbrechen könnte, so wie das Material, das bei einer Supernova übrig bleibt. Man dürfte ihn eigentlich nur mit einer Handschelle am Handgelenk und einer weiteren über eine stabile Kette verbundenen Handschelle transportieren, die an der Bläschenfolie befestigt ist. Der Schlüssel würde vorher per Geldtransporter an den geheimen Bestimmungsort geschickt, und dieser würde bis kurz vor den vorher unbekannten Zeitpunkt ständig zufällig wechseln. Stattdessen frage ich meine Mutter, ob sie einen Umschlag mit blauen Bändern gesehen habe, der auf dem Schreibtisch da unten lag. Ob es wichtig sei, fragt sie etwas gelangweilt. “Nö…” antworte ich, es wären nur die Filmbänder. Dann sei ja gut.
In der Postproduction wird plözlich alles klein.

Und letztlich merken Aron und ich, dass die eine Einstellung, für die Jenny 15 min geklebt, Moritz 35 min gebaut und meine Mama 3 Wochen renoviert hat, eigentlich unnötig, sogar störend ist. Unerhört. Die Einstellung, wegen der der Drehtag zu spät endete, so dass der nächste Drehtag zu spät begann, so dass wir die andere Szene nicht mehr schafften, so dass wir dachten, den Film nicht fertig zu bekommen, an dem wir zwei Jahre gearbeitet hatten.
Und das ist dann zu viel für mein nah am Wasser gebautes, schwaches Herz.

Filme drehen ist emotional, schneiden ist kühl. Aber manchmal erfrischt diese kühle Brise mehr, als sie uns frösteln lässt. Denn eines ist Schnitt auch, entspannt… - endlich.

brise 2

Sebi genießt die milde Brise.

lETZTE fOLGE dER kOLUMNE oNLINE !

Leider hat uns auf www.jetzt.de kein reicher Filmverleiher entdeckt und neue Sponsoren haben wir auch nicht gefunden.  Es haben sich nicht mal besonders viele gemeldet, die Ayuda sehen wollen. Irgendwie hab ich das Gefühl, dass außer uns niemand die Kolumne gelesen hat. Naja, und Digital Data natürlich. Ayuda ist jedenfalls leider doch nicht berühmt geworden. Seit heute ist trotz allem der letzte Teil online und vielleicht habt ihr ja nochmal Lust, zu lesen. So, ich muss jetzt weg. Nach neuen Alternativen für mein Berufsleben Ausschau halten, denn das mit dem Hintertürchen Journalismus scheint nicht gerade eine meiner besten Ideen zu sein.

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