Schnitt - endlich

Es ist ein Jammer, man kann es kaum mit ansehen, Tränen steigen hoch, sie zurückzuhalten fällt schwer, dann ein Schmerzensschrei und ich kann mich nicht mehr halten. Ich liege bei Aron im Wohnzimmer und weine bitterlich.
Schnitt - endlich.

Filme drehen ist emotional. Vielleicht deshalb, weil jedes einzelne Detail so schwierig ist. Jenny bastelt 15 Minuten an dem Sack, aus dem die Scheine rauspurzeln sollen, aber nicht das scheinähnliche Füllmaterial, Moritz bastelt 35 Minuten an der Kante für Marilyn, die zwar ihre Haare betonen soll, aber nicht den hässlichen Schatten auf die Wand werfen darf. Meine Mama bastelt 3 Wochen daran, ein leerstehendes Haus in ein bewohntes Haus zu verwandeln. Nadine, Ralf und ich basteln zwei Jahre daran, einen Film zu drehen.

Und was hat man letztlich in der Hand? - Einen Briefumschlag mit blauen Magnetbändern, das ist alles. Zehn blaue Bänder, das ist unser Film in einem Umschlag. Zwar ist das nicht irgendein Briefumschlag, er ist mit Bläschenfolie augelegt, trotzdem ist die Adresse auf dem Aufkleber vorne falsch, so geht die Rechnung erstmal an die KHM, anstatt an Footsteps. Und weder Bläschenfolie noch falscher Aufkleber beschützen Nadine davor, diesen Umschlag bei McDonalds zu vergessen.
“Ihre Tüte” - ruft uns die nette McDonalds- Frau hinterher. “Achja, beinahe vergessen, unser Film! Danke. Ach, und das ist ein Umschlag, trotzdem danke!” erwidern wir.

Unendliche Mühen konzentrieren sich in einem Briefumschlag. Im Grunde müsste der Umschlag glühen, oder zumindest so schwer sein, dass er bei Bodenkontakt sofort bis zum Erdmittelpunkt durchbrechen könnte, so wie das Material, das bei einer Supernova übrig bleibt. Man dürfte ihn eigentlich nur mit einer Handschelle am Handgelenk und einer weiteren über eine stabile Kette verbundenen Handschelle transportieren, die an der Bläschenfolie befestigt ist. Der Schlüssel würde vorher per Geldtransporter an den geheimen Bestimmungsort geschickt, und dieser würde bis kurz vor den vorher unbekannten Zeitpunkt ständig zufällig wechseln. Stattdessen frage ich meine Mutter, ob sie einen Umschlag mit blauen Bändern gesehen habe, der auf dem Schreibtisch da unten lag. Ob es wichtig sei, fragt sie etwas gelangweilt. “Nö…” antworte ich, es wären nur die Filmbänder. Dann sei ja gut.
In der Postproduction wird plözlich alles klein.

Und letztlich merken Aron und ich, dass die eine Einstellung, für die Jenny 15 min geklebt, Moritz 35 min gebaut und meine Mama 3 Wochen renoviert hat, eigentlich unnötig, sogar störend ist. Unerhört. Die Einstellung, wegen der der Drehtag zu spät endete, so dass der nächste Drehtag zu spät begann, so dass wir die andere Szene nicht mehr schafften, so dass wir dachten, den Film nicht fertig zu bekommen, an dem wir zwei Jahre gearbeitet hatten.
Und das ist dann zu viel für mein nah am Wasser gebautes, schwaches Herz.

Filme drehen ist emotional, schneiden ist kühl. Aber manchmal erfrischt diese kühle Brise mehr, als sie uns frösteln lässt. Denn eines ist Schnitt auch, entspannt… - endlich.

brise 2

Sebi genießt die milde Brise.

2 Antworten auf “Schnitt - endlich”

  1. Bene Greiner sagt:

    schöner blog-eintrag. freu mich schon auf den “Premiere - endlich”!

  2. Chris sagt:

    Den Film (fast) beim Mäcces vergessen (man stelle sich an dieser stellen einen sich an den Kopf klatschenden Smilie vor)
    Aber sonst gehts noch!?
    Na ja sind wir ja schon gewohnt
    Ihr seid ja auch nicht grad die schlausten ^^

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