Archive für November 2008

Sebis Patent

Alles ist wieder gut. Zumindest privat. Beruflich haben sich die Produzenten der neuen Perle des Independent-Kinos, “Ayuda”, jüngst eines der Glanzstücke unter ihren Fauxpässen geleistet. Endlich stand der Termin beim Skyscraper of Arthouse an, dem Chef von Soundvision, ein cooler Typ, der ungefähr alle deutschen Filme, die nicht doof sind, vertont, jemand der so ist, wie wir gerne sein wollen, zumindest später. Damit wir alle gut gelaunt sind, hat Sebi mir Cappuccino mitgebracht und Soundvision selbst gebackene Brownies, natürlich nicht von Sebi, der kann nur den Tarte au chocolat aus dem Rewe, sondern von Matthias, unserem engagierten Fahrer, der beim Nachdreh immer den leckeren Tee dabei hatte. An den erinnert ihr euch wahrscheinlich nicht, weil ich ihn immer weggetrunken hab, hatte Halsweh! Bis zu diesem Zeitpunkt lief übrigens alls gut.

Bei Soundvision könnten wir, wenn Dennis fertig ist mit dem Sounddesign, die Kinomischung machen, also einstellen, was im Kino von vorne und von hinten, rechts, links und dazwischen, (denn es sollen 8 verschiedene Positionen sein!) zu hören ist. Außerdem haben wir in der Firma auch den Foley-Raum gesehen, den Raum mit allen Geräuschen, die es auf der Welt gibt. Da könnte man zum Beispiel “gerade eben ist noch leichter Rauch aus der Pistole gekommen”, “Lisa malt sich Lippenstift neben die Lippen” oder “die Schaben neben der Zigarettenschachtel bewegen sich zwar nicht, atmen aber sehr laut” nachvertonen!

Wir haben uns gefreut, weil der Chef von Soundvision sich so viel Zeit genommen hat und weil er gesagt hat, er könnte uns helfen, sofern ihm der Film gefiele… Okay, deshalb hatten wir eher Angst, aber  da war trotzdem noch ein Hauch von Zuversicht bis zu jenem Moment, in dem der patente Sebi dann sein Patent auspackte. Seit einem Jahr schwärmt er mir vor, wie cool er doch wäre und wie er bald die Welt, zumindest aber doch die Medienwelt verändern würde durch die genialste Idee seit Marco vorgeschlagen hat, dass die Studenten ihn in den Keller sperren sollten, nämlich… tadaaa… Mini-DVDs! Darauf, so plant Sebi ebenfalls seit einem Jahr, könnte er dann die Schauspiel-Demos, die wir irgendwann mal noch für alle möglichen Schauspieler drehen werden, brennen und die können die dann ganz einfach und besonders günstig verschicken. Eine Mini-DVD kostet zwar 1 Euro mehr als eine große, aber beim Porto sparen die Schauspieler dann jedes Mal 40 Cent! Also, super Idee. Die muss man sich unbedingt patentieren lassen. Sie würde sich besonders dann auszahlen, wenn nicht vor dem Mini-DVD-Trend, den Sebi in der Medienbranche initiieren will, schon Herr Mac da gewesen wäre und den Mac-Trend in der Medienbranche initiiert hätte. Und da sich der zweite Trend wohl schon ein bisschen mehr durchgesetzt hat, kam es dazu, dass Sebis Mini-DVD im Mac vom Chef von Soundvision stecken geblieben ist und er sie weder angucken, noch jemals wieder rausholen können wird. So hat er jetzt immer etwas von uns ganz nah an seinem Herzen - NICHT. Wahrscheinlich wird er immer wieder mit Freude an jenen Tag zurückdenken, an dem zwei dieser anstrengenden Filmstudenten, die ständig auf der Suche nach Unterstützung von coolen Arthouse-Leuten sind, ihren ersten Eindruck dadurch hinterließen, dass sie einfach mal seinen Computer kaputt gemacht haben!

Wo wir jetzt sein könnten…

Ja, so sieht es aus, wir könnten ganz wo anders sein, wenn sich in der Vergangenheit nur einige kleine Sachen anders verhalten hätten.

Wir könnten zum Beispiel im Knast sein:

Ralf steht an den Gitterstäben und hält einen Spiegel nach draußen. Er sieht sich um und erkennt, nichts, außer andere Spiegel, die nach draußen gehalten werden. Selbst Ralf hat jetzt einen drei-Tage-Bart, da er schon vier Monate hier ist. Seit vier Monaten steht er hier und spiegelt in den Gang und nichts passiert. Doch dann fällt ihm der Spiegel runter und er purzelt vor der Zellentür zu Boden. Zu weit, um mit dem Arm ran zu reichen, die Wächter schauen nur müde. Doch da Ralf hier noch einige Kilos abgenommen hat, gelingt es ihm sich durch die Gitterstäbe zu drücken und den Spiegel aufzunehmen, kurz noch zurückgedrückt und alles ist wieder beim alten. Puh, das war knapp.

Warum Ralf in Gefangenschaft ist? Es hat sich herausgestellt, dass wir damals für die Szene, in der Marilyn den toten Vogel in einen Sarg legt, keine Genehmigung vom Veterinäramt hatten, den toten Vogel zu filmen. Der Vogel klagte seine Bildrechte ein, und da das Ralfs Aufgabe war, kam dann eines zum anderen. Man kennt das, teure Staranwälte auf Klägerseite, Ralf nur den Pflichtverteidiger, der stets betrunken und manchmal garnicht erscheint, und schon ist man hinter Gittern.

Wir könnten in Hof sein zum Beispiel:

Sebi sitzt etwas unbequem im Zug, vielleicht liegt es daran, dass er auf dem Kopf sitzt, denn Zugfahren kann er gar nicht gut. Dabei fällt ihm sein vom Festivalleiter Heinz Badewitz persönlich gezeichnetes Zugticket ständig aus der Tasche, was die Fahrt nicht erleichtert. Als er dann endlich in Hof ankommt, wird er mit Blumen und einem kleinen wiederverwertbaren roten Teppich am Bahnsteig abgeholt. Natürlich von Heinz Badewitz persönlich, der hat nämlich extra die Eröffnung der Festspiele ‘einige Minuten später’ beginnen lassen, um die Verspätung des Zuges auszugleichen. Dann gehts direkt ins größte Hofer Lichtspielhaus (75 Plätze) und Sebi darf auf der Bühne eine Rede schwingen. Er freue sich sehr, hier sein zu dürfen und den neuen Film “Ayuda” vorstellen zu dürfen, er selbst habe sich damals… bla,bla,bla, das Festival hat nun schon ‘ca. 15 min. Verspätung’. Er endet mit dem Hinweis, dass man doch bitte verzeihen sollte, dass es sich bei der Vorführkopie (natürlich auf 35mm) nur um eine schlechte DV-Abtastung handele und dass die Bilder noch mindestens 40% besser werden würden. Dass die noch fehlenden Töne wechselseitig von Nadine und Sebi eingesprochen würden solle auch niemanden stören, außerdem würde Arons Drucker, der noch als Platzhaltergeräusch zu finden sei, sicher niemanden irritieren. Der Film sei eben noch nicht ganz fertig und als erfahrene Filmschaffende falle es sicher leicht, da zu abstrahieren. Unter begeistertem Applaus nimmt die deutsche Filmlandschaft diese Einschränkungen gerne hin und es beginnen tolle Hofer Filmtage, vielleicht die besten seit langem.

Warum Sebi in Hof ist? Weil nicht er, sondern Nadine Klaus Badewitz auf der Berlinale angesprochen hat. Als dieser nur etwas müde zuckend unsere DVD einsteckt, gibt Nadine diesen berühmten kaum hörbaren, aber das männliche Unterbewusstsein manipulierende Schluchzlaut von sich, dass uns Tor und Tür zur Filmwelt geöffnet hat. Außerdem haben Sebi und Nadine Kuchen dabei.

Wir könnten am Ayuda-Set sein zum Beispiel:

Nadine checkt nochmal die Schärfe, das kann sie ganz gut, da sie seit mittlerweile 34 Tagen als Kameraassistentin bei “Ayuda” arbeitet. Die Schärfe stimmt übrigens, wenn sich nur die Schauspielerin nicht zu stark bewegt. Die Schauspielerin ist übrigens auch Nadine, mit leicht hochgesteckten Haaren, wegen Einfühlen in die Rolle.  Nadine sagt also die Ruhe an, startet den Ton, startet die Kamera und spielt los. Dann baut sie auf den Gegenschuss um, legt das andere Kostüm an und klebt sich den falschen Bart auf, wegen Einfühlen in die Rolle. Sie spielt gerade die Streitszene zwischen Hermann und Helene. Das ist eine sehr emotionale Szene, daher muss sie sich sehr konzentrieren. Sie weiß, dass der Film nun sehr viele Naheinstellungen enthält, denn Zweier kann sie noch nicht so gut. Aber sie orientiert sich dabei am Stil von Moritz. Nur, wenn sie mit dem Fuss den Dolly schieben muss, während sie selbst Marilyns Leiche spielt, wirds knifflig. Aber Nadine hat eine clevere und komplizierte Konstruktion aus Spiegeln und Schnüren gebaut, mit der sie die Szene ganz gut im Griff hat.  Am Abend spendiert sie dann der Crew noch eine Kiste Feierabendbier,  schreibt die Dispo für den nächsten Tag, schreibt das Drehbuch noch ein bisschen um und geht dann irgendwann schlafen, denn morgen früh muss sie schon vor allen anderen die Brötchen schmieren.

Warum Nadine Ayuda nochmal alleine nachdreht? Nun, als wir bei Herrn Rings im Keller sitzen, hat Nadine einen Anfall von Mitleid und heißt den alten Mann völlig unvermittelt willkommen im Team von Ayuda. Dass er die Maschine zur Entwicklung erst noch bauen muss und dass Ayuda damit sein Testprojekt werden wird, sieht Nadine gelassen; im Zweifel drehen wir dann alles neu, sagt sie lachend, während sich die beiden noch ein paar Geschichten aus der Jugend erzählen.

Jahresausblick Teil 4 (mit Verspätung wegen upsi Vergessen)

Oktober: Das Footsteps-Team bekommt von einer der erfolgreichsten Produktionsfirmen Deutschlands den Auftrag, eine Serie zu entwickeln. Es wird nur leider nichts daraus, weil… Ja, warum denn eigentlich nicht? Okay, Nadine ist 24/7 eingespannt, aber Sebi, der hat sich wohl die gemütliche Lebensweise aus uns’ Zürili angewöhnt, meistens chillt er, zwischendurch übt er sich im Dressurreiten. Und wo Ralf eigentlich steckt, weiß auch mal wieder niemand. Achso, der feiert Geburtstag mit Fred und dieser einen da, ach, wie heißt die denn nochmal, Charlize Theron oder so. Nur Daniele kann nicht kommen, der will sein Treffen mit Adam Sandler nicht absagen, “Adi hat sich schon so drauf gefreut”. Heinz Badewitz steht mit einem Blumenstrauß und einem Kamerateam am Regionalbahnhof Hof und will Sebi abholen, aber der ist gar nicht im Zug. (Mehr dazu im Blogeintrag “Wo wir jetzt sein könnten”). Endlich hat Alexander Klaws zugesagt, das Abspannlied für Ayuda zu singen. Das finden viele doof, Bene zum Beispiel.

November: Die Tage werden kälter und nasser, das ist vor allem für Nadine ein Problem, denn sie muss den nächsten Monat in einem Karton (wenn sie noch einen findet) unter der Hohenzollernbrücke verbringen. Wie passend, dass Sebi ausgerechnet jetzt in der Sinnkrise steckt und Nadine sich daher nicht mal beim wöchentlichen Battlestar-Galactica-Gucken aufwärmen kann. Achso, was ist eigentlich mit Ayuda? Nachdem zwei Sounddesigner gerade noch rechtzeitig das Weite gesucht haben und “Ich habs euch doch gesagt”-Tonmensch Chris jetzt wahrscheinlich Recht hat mit der Vermutung, dass der Ton sich nicht kongenial zum restlichen Oeuvre verhält, macht uns Sounddesigner Nummer 3 - Anwärter Dennis nun endlich mal Hoffnung: “Joah, denk schon, dass ich die Hallenbad- äh Parkhaus-Szene irgendwie hinkriegen könnte.” Juchu! Joyce macht beim Perfekten Promi Dinner Werbung für Ayuda. Ein riesiger Karton mit Fanpost kommt an, nur nicht bei Nadine- die hat ja keine Wohnung.

Dezember: Weihnachten! Hach, seufz. Dicke dichte weiße weiche Schneeflocken hüllen Köln in ein weißes Kleid- nicht. Wie immer ist alles nur beschissen. Stau in der Fußgängerzone, überheizte Geschäfte, ekliger Nudelsalat an Heiligabend, penetrante Weihnachtslieder, Liebeskummer, der Weihnachtsbaum geht in Flammen auf, wieder mal das perfekte Geschenk verschenkt, aber das falsche bekommen, Langeweile, Angst vor Silvester und dem traurig heranschleichenden Jahr 2009. Und während man so dasitzt und vor sich hingrummelt und sich und die Nächsten und das Christkind und überhaupt alles verwünscht, kommt die Nachricht. Die Nachricht, auf die wir solange gewartet haben. Zuerst hören sie die Hirten bei ihren Schafen auf den Feldern, dann werden die Englein sie vom Himmel singen und dann kommen die Könige und bringen Geschenke, denn AYUDA IST DA.

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