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16.11.2008 von Sebastian.
Ja, so sieht es aus, wir könnten ganz wo anders sein, wenn sich in der Vergangenheit nur einige kleine Sachen anders verhalten hätten.
Wir könnten zum Beispiel im Knast sein:
Ralf steht an den Gitterstäben und hält einen Spiegel nach draußen. Er sieht sich um und erkennt, nichts, außer andere Spiegel, die nach draußen gehalten werden. Selbst Ralf hat jetzt einen drei-Tage-Bart, da er schon vier Monate hier ist. Seit vier Monaten steht er hier und spiegelt in den Gang und nichts passiert. Doch dann fällt ihm der Spiegel runter und er purzelt vor der Zellentür zu Boden. Zu weit, um mit dem Arm ran zu reichen, die Wächter schauen nur müde. Doch da Ralf hier noch einige Kilos abgenommen hat, gelingt es ihm sich durch die Gitterstäbe zu drücken und den Spiegel aufzunehmen, kurz noch zurückgedrückt und alles ist wieder beim alten. Puh, das war knapp.
Warum Ralf in Gefangenschaft ist? Es hat sich herausgestellt, dass wir damals für die Szene, in der Marilyn den toten Vogel in einen Sarg legt, keine Genehmigung vom Veterinäramt hatten, den toten Vogel zu filmen. Der Vogel klagte seine Bildrechte ein, und da das Ralfs Aufgabe war, kam dann eines zum anderen. Man kennt das, teure Staranwälte auf Klägerseite, Ralf nur den Pflichtverteidiger, der stets betrunken und manchmal garnicht erscheint, und schon ist man hinter Gittern.
Wir könnten in Hof sein zum Beispiel:
Sebi sitzt etwas unbequem im Zug, vielleicht liegt es daran, dass er auf dem Kopf sitzt, denn Zugfahren kann er gar nicht gut. Dabei fällt ihm sein vom Festivalleiter Heinz Badewitz persönlich gezeichnetes Zugticket ständig aus der Tasche, was die Fahrt nicht erleichtert. Als er dann endlich in Hof ankommt, wird er mit Blumen und einem kleinen wiederverwertbaren roten Teppich am Bahnsteig abgeholt. Natürlich von Heinz Badewitz persönlich, der hat nämlich extra die Eröffnung der Festspiele ‘einige Minuten später’ beginnen lassen, um die Verspätung des Zuges auszugleichen. Dann gehts direkt ins größte Hofer Lichtspielhaus (75 Plätze) und Sebi darf auf der Bühne eine Rede schwingen. Er freue sich sehr, hier sein zu dürfen und den neuen Film “Ayuda” vorstellen zu dürfen, er selbst habe sich damals… bla,bla,bla, das Festival hat nun schon ‘ca. 15 min. Verspätung’. Er endet mit dem Hinweis, dass man doch bitte verzeihen sollte, dass es sich bei der Vorführkopie (natürlich auf 35mm) nur um eine schlechte DV-Abtastung handele und dass die Bilder noch mindestens 40% besser werden würden. Dass die noch fehlenden Töne wechselseitig von Nadine und Sebi eingesprochen würden solle auch niemanden stören, außerdem würde Arons Drucker, der noch als Platzhaltergeräusch zu finden sei, sicher niemanden irritieren. Der Film sei eben noch nicht ganz fertig und als erfahrene Filmschaffende falle es sicher leicht, da zu abstrahieren. Unter begeistertem Applaus nimmt die deutsche Filmlandschaft diese Einschränkungen gerne hin und es beginnen tolle Hofer Filmtage, vielleicht die besten seit langem.
Warum Sebi in Hof ist? Weil nicht er, sondern Nadine Klaus Badewitz auf der Berlinale angesprochen hat. Als dieser nur etwas müde zuckend unsere DVD einsteckt, gibt Nadine diesen berühmten kaum hörbaren, aber das männliche Unterbewusstsein manipulierende Schluchzlaut von sich, dass uns Tor und Tür zur Filmwelt geöffnet hat. Außerdem haben Sebi und Nadine Kuchen dabei.
Wir könnten am Ayuda-Set sein zum Beispiel:
Nadine checkt nochmal die Schärfe, das kann sie ganz gut, da sie seit mittlerweile 34 Tagen als Kameraassistentin bei “Ayuda” arbeitet. Die Schärfe stimmt übrigens, wenn sich nur die Schauspielerin nicht zu stark bewegt. Die Schauspielerin ist übrigens auch Nadine, mit leicht hochgesteckten Haaren, wegen Einfühlen in die Rolle. Nadine sagt also die Ruhe an, startet den Ton, startet die Kamera und spielt los. Dann baut sie auf den Gegenschuss um, legt das andere Kostüm an und klebt sich den falschen Bart auf, wegen Einfühlen in die Rolle. Sie spielt gerade die Streitszene zwischen Hermann und Helene. Das ist eine sehr emotionale Szene, daher muss sie sich sehr konzentrieren. Sie weiß, dass der Film nun sehr viele Naheinstellungen enthält, denn Zweier kann sie noch nicht so gut. Aber sie orientiert sich dabei am Stil von Moritz. Nur, wenn sie mit dem Fuss den Dolly schieben muss, während sie selbst Marilyns Leiche spielt, wirds knifflig. Aber Nadine hat eine clevere und komplizierte Konstruktion aus Spiegeln und Schnüren gebaut, mit der sie die Szene ganz gut im Griff hat. Am Abend spendiert sie dann der Crew noch eine Kiste Feierabendbier, schreibt die Dispo für den nächsten Tag, schreibt das Drehbuch noch ein bisschen um und geht dann irgendwann schlafen, denn morgen früh muss sie schon vor allen anderen die Brötchen schmieren.
Warum Nadine Ayuda nochmal alleine nachdreht? Nun, als wir bei Herrn Rings im Keller sitzen, hat Nadine einen Anfall von Mitleid und heißt den alten Mann völlig unvermittelt willkommen im Team von Ayuda. Dass er die Maschine zur Entwicklung erst noch bauen muss und dass Ayuda damit sein Testprojekt werden wird, sieht Nadine gelassen; im Zweifel drehen wir dann alles neu, sagt sie lachend, während sich die beiden noch ein paar Geschichten aus der Jugend erzählen.
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