Archive für Februar 2009

Sebi und Nadine auf der Berlinale Teil 2 - Die Nadinale

Während Sebi voll und ganz damit beschäftigt ist, wichtige Leute kennen zu lernen - ganz schön anstrengend, kennt man ja: ein Smalltalk hier, ein Bier ausgeben da, Visitenkarten verteilen und anderen freundschaftlich auf die Schulter klopfen -, ist Nadine mal wieder schlauer. Sie weiß nämlich, dass sie sowieso niemand kennen lernen will und verbringt ihre Zeit deshalb mit sinnvolleren Dingen, Kreuzworträtsel lösen und eigenes Festival planen zum Beispiel.

Auf der Nadinale wäre nämlich alles noch viel cooler. Nadines großes Vorbild ist übrigens Everybodys Darling Heinz Badewitz, dem sein Erfolg einfach nie zu den Haaren steigt. Mal prüft er die Akkreditierungen der Festivalgäste, mal rückt er die Absperrung gerade, dann macht er sich noch persönlich auf die Suche nach einem seiner Homies, Wim Wenders: “Wim, where are you?”, und nimmt immer wieder gerne die ein oder andere DVD des ein oder anderen Möchtegern-Nachwuchsfilmers entgegen, nicht ohne demjenigen auch noch für einige Minute sein kostbares Ohr zu leihen und individuell nützliche Tipps zu geben. Nebenbei organisiert er übrigens ganz allein die Reihe “German Cinema”.

Aber warum ist denn jetzt eigentlich ausgerechnet Nadine dafür geeignet, in solche großen Fußstapfen zu treten? Weil sie einen hervorragenden Filmgeschmack hat, ist wohl klar. Einen guten Riecher, wenn es darum geht, die filmischen Perlen unter den Säuen zu finden. Hat sie mal wieder erfolgreich unter Beweis gestellt - Nadines Top 3 der Berlinale:

- Nadine will unbedingt in “Ricky”. Warum? Sie hat ein Plakat gesehen, auf dem ein Baby drauf war, voll süüüüüüüüüß. Sebi will nicht, alles was mit Nadine und Babys zu tun hat findet er scheiße, er ist ja schließlich kein Medizinstudent. Aber wie immer hört keiner auf Sebi. Was Nadine leider nicht auf dem Plakat gesehen hat: Dem Baby wachsen nach dem ersten Drittel des Films Flügel. Sehr ungewöhnlich, sehr französisch und sehr scheiße.

- Nadine will unbedingt in “Ander”. Warum? Sie hat ein Plakat gesehen, auf dem ein dunkles Haus ist, bei dem in einem Fenster Licht brennt. Sebi vertraut Nadine voll und ganz. Schließlich hat das Kriterium: Film nach Plakat auswählen bisher hervorragend funktioniert. Wie sich herausstellt, ist das Bild des Hauses nur auf dem Plakat so schön. Im Film selbst ist es auf einmal viel blasser und grobkörniger und überhaupt, eigentlich geht’s gar nicht um das Haus, sondern um ein Coming Out. Und um Mittagessen. Der Landwirt, der sich in seinen neuen Mitarbeiter verliebt, nicht damit klarkommt, dass er sich zu dem jungen attraktiven Mann hingezogen fühlt und ihn deshalb zum Beispiel anspuckt. Jaja, in Argentinien ist die Schwulenemanzipation anscheinend noch nicht so weit. Außerdem gibt es ein Happy End: Der Landwirt, sein Lover und eine Prostituierte mit ihrem unehelichen Kind leben gemeinsam glücklich bis an ihr Lebensende. Und außerdem wird noch die Hälfte des Films Mittag gegessen.

- Nadine will unbedingt in “Fucking Different Tel Aviv”. Aber nicht, weil sie ein Plakat gesehen hat. Nadine würde niemals auf denselben Trick drei Mal reinfallen. Sondern weil Sonja und Nina gesagt haben, dass das gut wäre. Sebi will nicht, weil er für Saft- und Kraftausdrücke wie “Fucking” ein zu schwaches Gemüt besitzt. Vor allem auf der Berlinale, wo er allein auf sich gestellt, für eine so lange Zeit weg von Kirchwald und seiner Mama ist. Aber er geht dann doch mit, weil alle gehen und ganz allein sein hat schon beim British Council nicht so gut funktioniert. Vor dem Film erfahren Sebi und Nadine dann, dass es im Film um Schwule geht, die Filme über Lesben machen und umgekehrt. Nicht gerade ungewöhnlich, denn eigentlich geht’s in jedem Berlinale-Film darum. Im Film erfahren Sebi und Nadine allerdings, dass schwul oder lesbisch zu sein, das einzige Kriterium war, um in die Kurzfilmsammlung aufgenommen zu werden. Keine Kriterien waren hingegen: Dass jemand die Kamera benutzt, dass jemand die Linse abputzt, dass man seinen Film in einer Auflösung einreicht, die über You-Tube-Qualität liegt. Wie beim Blue Monday eigentlich.

So, einen Film hat Nadine schon im Repertoire, nämlich Ayuda. Dann bekommt der wenigstens mal Aufmerksamkeit. Der ist zwar noch nicht fertig, aber Nadine muss eh erst noch ein Kino in Lonsee bauen.

Sebi und Nadine auf der Berlinale Teil 1 - Sebi lernt wichtige Leute kennen

“Ayuda” ist ein großes Projekt und große Dinge kosten viel Geld, es sei denn sie sind Styropor. “Ayuda” kostet daher auch viel Geld und da Sebi und Nadine nicht so viel Geld haben, müssen sie immer wieder Leute finden, die ihnen Geld geben. Das ist nunmal so im Filmgeschäft. Eigentlich gibt es dafür ja auch Produzenten, die bei Filmstiftungen um Geld bitten, und die wirklich gut darin sind, so etwas zu organisieren. Die Beiden sind nicht so gut darin, und sie haben auch keinen Produzenten, deshalb bekommen sie auch von den Filmstiftungen kein Geld. Das einzige was Sebi und Nadine gut können, ist mit ihren jungen und großen Augen Leute überzeugen. Daher ist die Berlinale auch der ideale Ort, um dieses Talent auszuspielen, denn hier kann man mit Leuten reden, die Geld haben, oder hergeben möchten.

Daher haben sich die beiden auch einen perfiden Plan ausgedacht, wie man an solche Leute rankommen kann. Und zwar am besten auf Partys, da sind alle betrunken, und tanzen wild auf der Tanzfläche und wenn man mal bedenkt wie viele Kinder schon aus solchen Situationen entstanden sind, müsste doch auch der ein oder andere Film daraus entstehen können. (Darüberhinaus sind Kinder [da nicht aus Styropor] auch sehr teuer) Zum Glück hat Sebi eine Einladung zur großen “British Council Party” bekommen, und zwar von seinem Chef. Da dürfen nämlich nur die wichtigsten Leute hin und dazu zählen Sebi und Nadine noch nicht. Aber Sebis Chef und der hat die Einladung weitergegeben. Nun steht auf der Einladung in großen, britischen Lettern: “Strictly for one person only!!”, was Sebi und Nadine ungefähr so übersetzen “Striktlich für eine Person nur!!”, die beiden können nämlich ganz gut Englisch. Das bedeutet, dass Sebi auf dieser Party auf sich alleine gestellt sein wird, aber, und das folgert ja aus dieser Einladung, alle anderen werden auch alleine sein! Und das ist ja die beste Voraussetzung, um Kinder und Filme entstehen zu lassen!

Leider brauchen Sebi und Nadine so lange, um die richtige Abendgarderobe rauszusuchen (Sebi hat nur 2 Hosen und 2 Pullis dabei… es waren nur 10kg Gepäck erlaubt und der Laptop wiegt schon 3kg…), dass es schon ein recht fortgeschrittener Abend ist, als Sebi zur Bahn kommt. Zum noch größeren Unglück findet Sebi dort heraus, dass die “British Council Party” an einem Dienstag stattfindet und Dienstag die Bahnen nur bis halb eins fahren. Es ist halb zwölf, als Sebi am Veranstaltungsort erscheint. Viertel vor zwölf als er die Jacke an der Garderobe abgegeben hat. Zwölf als er ein Bier hat. Dann fällt ihm auf, dass er offenbar der einzige ist, der wusste was “strictly one person” bedeutet, denn auf der ganzen Party ist wirklich niemand alleine da. Hier wird zu viert getrunken, dort zu sechst getanzt, da drüben zu zehnt gequatscht, nur Sebi, der steht alleine mit seinem Bier. Naja, erstmal hinsetzen, und die Lage auschecken. Da fällt ihm ein Pärchen auf, das zwar nicht alleine ist, aber zumindest ähnlich hilfesuchend reinschaut. Sieht zwar nicht so aus, als hätten die viel Geld (der Kerl hat einen merkwürdigen Pulli an), aber vielleicht kennen die ja jemanden… aber erstmal ein neues Bier holen gehen. Als Sebi um viertel nach zwölf zurückkehrt stellt sich raus, weshalb die beiden so geguckt haben, sie haben ihre Freunde gesucht, denn jetzt stehen sie im großen Kreise und singen englische Lieder. Selbst der Junge mit dem merkwürdigen Pulli wirkt jetzt cool. Naja, erst nochmal hinsetzen und einen kräftigen Schluck trinken, das Bier ist immerhin frei hier. Ah, da erspäht Sebi mit seinen Adleraugen jemanden, der ebenfalls alleine an einem der zahlreichen Tische sitzt. Also trinkt er sein Bier leer, nimmt allen Mut zusammen und als er von der Theke zurückkommt (12:25h) sieht er auch warum der junge Mann alleine saß: Sein Kumpel war eine Runde Tequila holen. Und hoch die Tassen!

Sebi verabschiedet sich also von niemandem, hift niemandem in die Jacke, nimmt seine eigene und geht. Naja, vielleicht ist noch zu erwähnen, dass er die letzte Bahn zwar nicht verpasst, diese aber nach einer Station mit den netten Worten “Dieser Zug endet hier. Weit entfernt von Ihrem Zuhause!” stehenbleibt. Nach einer weiteren Stunde Nachtbus, Schneegestöber und einem Kilometer Dauerlauf kommt Sebi dann erschöpft, aber auch ein bisschen stolz bei Nadine an. “Und wie ist es gelaufen?” fragt sie. Aber da schläft er schon und träumt einen britischen Traum.

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