Der Abend vor dem Morgen

Ich sitze hier vor meinem Computer und ich höre mir die Datei “Ayuda Hauptmix.aif” an, das ist eine Audiodatei, die ich gestern bekommen habe. Was das ist? Das ist der Ton, der Teil des Ganzen, den man immer mitdenkt bei dem Begriff “Audiovisuelle Medien”, über den man aber eigentlich garnichts weiß. Jeder spricht von Kameras und Licht und Spezialeffekten, wenn man einen tollen Film sieht, aber wirklich niemand spricht vom Ton, vielleicht mal von der Musik, aber das wars dann auch schon. Ich höre jedenfalls jetzt den Ton und kontrolliere ihn ein letztes Mal, denn morgen um 14:00h wird für “Ayuda” ein ganz wichtiger Moment kommen, der Moment der Fertigstellung. Wenn alles nach Plan läuft, können wir morgen Abend sagen: “Ja, Ayuda ist fertig!” oder “Ayuda, ja stimmt, das war doch mal dieser Film…”, wir sprechen davon in der Vergangenheitsform und loben die Arbeit daran im Audiokommentar.

Das heißt also konkret, dass wir jetzt ziemlich genau 100 Minuten Zeit haben, um ein bisschen zu plaudern. Ich könnte davon erzählen, was uns in der letzten Zeit noch so alles passiert ist, mit diesem Film. Da wäre sicher Christoph zu erwähnen. Christoph kennt ihr bislang noch nicht, denn wir kennen ihn auch erst seit ein paar Wochen. Wir fanden ihn von anfang an nett, weil er uns helfen wollte Ayuda fertig zu machen und diese Leute sind uns ja immer direkt sympathisch. “Nett, ja, aber ein bisschen zu normal…” hatte Nadine nach einem unserer ersten Treffen mal gesagt. Aber das war ja noch am Anfang, da dachten wir Christoph wäre normal. Ist er aber nicht. Zunächst einmal ist er der Chef-Tondesigner und Chef-Mischtonmeister unserer Lieblingsstuntfirma Action-Concept. Normalerweise vertont er da den ganzen Tag Reifenquietscher und Schusswaffengebrauch der allseits bekannten und beliebten “Cobra 11″ Autobahnpolizeieinheit. Irgendwie haben wir ihn dann dazu gebracht, dass er am Wochenende und Abends nach der Arbeit auch noch “Ayuda” fertig vertont, denn Dennis hatte bis dahin ja schon das meiste gemacht. Nach eigenen Angaben freute er sich darüber, dass es bei “Ayuda” “etwas ruhiger” zugeht, ja tatsächlich, die Distanz zwischen “Cobra-Rumgeballer-Explosion-und-Überschlag-11″ und “A-wann-passiert-hier-denn-was-yuda” könnte kaum größer sein. Stolz erwähnen wir aber, dass auch bei uns eine Pistole vorkommt und einmal quietscht auch ein Reifen!

Erst nachdem Christoph sich Wochenenden und Abende um die Ohren geschlagen hatte, fanden wir heraus, dass er schon Papa ist. Und zwar hat er gleich zwei Söhne. Einer vier und einer eins. Während der Vierjährige der Kumpeltyp ist, ist der Einjährige eher der Melancholiker. Dass der Papa jetzt Abends und am Wochenende im Tonstudio rumhängt, anstatt mit den Jungs Carrera-Bahn zu fahren, das drückte den Ärmsten noch tiefer in die Depression. “Ach! Ich erkenne mich manchmal selbst nicht mehr!” soll er dazu mal gesagt haben. Abends dann, nach Feierabend flitzte er immer schnell über die Autobahn nach Hause. Da er jeden Tag mehr als zwei Stunden im Auto verbringt hat er sich als Hobby das Singen der tibetanischen Obertöne ausgedacht, so kann er jeden Tag zwei Stunden lang üben, und im Auto wirds nie langweilig. Klingt übrigens so ähnlich wie ne Nasenpfeife.
Mit Christoph haben wir die letzten Tage die meiste Zeit unter dem Tisch gesessen. Denn unter dem Tisch, da ist der Klang am besten. Im Tonstudio gibts nämlich so eine stehende Welle, die nur unter dem Tisch nicht stört. Bei der Frage, ob er auch mit den RTL-Redakteuren von Cobra-11 unter dem Tisch sitzt, schweigt er nur. Naja, soviel also zum Thema “normal”. Während wir unter dem Tisch der Tonspur von “Ayuda” lauschen, fällt uns auf, dass Christoph es voll drauf hat. Man ist das schön mit Profis!

“Hey, hier ist so ein unfassbar lautes Brummen von einem Vorschaltgerät, das ist eigentlich lauter als das Gespräch im Hintergrund… kann man da was machen?” Zwei Klicks auf das “Vorschaltgerätebrummen-entfernen-Tool” und schon klingt die Szene wie aus dem Ei gepellt. “Äh, hier rattert die Kamera so laut, dass man nicht versteht, wodrum die Szene eigentlich geht. Wahrscheinlich hat Moritz mal wieder den Kamerapulli vergessen…” Ein paar Klicks auf die “Kamerageräusch-entfernen-Taste” und schon denkt man der Film wäre auf Video gedreht. “Kann man die Stimme so machen, dass sie aus einem anderen Raum kommt?” Während Nadine und ich uns noch darüber lustig machen, dass da ja eigentlich zwei Räume dazwischen sein müssten, zaubert Christoph ein Tool hervor, bei dem man neben der Etage, auch die Anzahl der geöffneten und geschlossenen Türen dazwischen einstellen kann. Wir entscheiden uns für: 2 Etagen darüber, 3 Türen dazwischen, 1 geöffnet, 2 geschlossen; aber warum erzähle ich das, ihr werdet es ja selbst hören!

An einem Abend kommt Katrin dazu, um noch ein paar Einsprecher aufzunehmen. Nadine und Christoph sitzen am Pult und sehen sie durch eine Scheibe. Hören kann Katrin die beiden aber nur, wenn Nadine auf so eine Fußtaste drückt. Die beiden lachen immer absichtlich, damit Katrin denkt, sie würden lästern.

Am letzten Abend zeigt uns Christoph dann noch seinen Lieblingsmusiker auf Youtube, denn er ist unterwegs im “Auftrag des Herrn”- wie die BluesBrothers und muss daher allen Leuten, die er kennen lernt, diesen Musiker zeigen. Während er uns erklärt, dass er eine ganz besondere Gitarrenspieltechnik hat, wundern wir uns eigentlich mehr darüber, dass er eine Maske auf dem Gesicht und einen Kentucky-Fried-Chicken-Eimer auf dem Kopf trägt. Soviel zum Thema “normal”.

Als wir dann später gehen, sind wir zwar froh, dass der Ton von “Ayuda” jetzt so cool geworden ist; aber auch ein bisschen traurig, weil wir ab diesem Moment nicht mehr unter dem Tisch sitzen können, weil dann sicher wieder die Leute von RTL da sitzen werden.

Wir hoffen alle sehr, dass Christoph zur Premiere kommen wird, dann lernt ihr ihn auch noch kennen. Vielleicht bringt er ja auch seinen Sohn mit, denn “Ayuda” mit seinem melancholischen Grundton würde ihm sicher gefallen!

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So siehts aus bei Action Concept. Für das Foto hat sich Christoph aber extra mal an den Tisch gesetzt, statt darunter.

3 Antworten auf “Der Abend vor dem Morgen”

  1. Christian sagt:

    Jedes mal wenn ich was über Ton im zusammenhang mit Ayuda höhre/lese zucke ich innerlich ganz leicht zusammen :-)
    Aber ich bin verdammt froh, dass das Final von einem Kompetenten Menschen gemacht worden ist… wenigstens kompetenter als ich :-D… hoffen wirs mal… hätte ich mich unter den Tisch gesetzt zum abhöhren hätten se wieder alle gelacht.. mir glaubt ja keiner :-P :-P
    was sachter denn??? geht gut oder geht schlecht Oo
    *brenn vor neugierde*
    bis sammstag
    Toni

  2. Bene sagt:

    Ist das nicht ein schönes Gefühl, eine Sache vor der Permiere fertig zu haben? Nach unserem ersten Durchlauf gestern Abend hieß es von der Regie.

    “Das Ding funktioniert nicht. Heute Nacht wird radikal gestrichen. Kann auch sein, dass einzelne Figuren und Handlungsstränge rausfliegen. Mittwoch Abend habt ihr dann die Premierenfassung in der Hand. Dann proben wir. Nehmt Schlafsäcke mit. Donnerstag Abend proben wir nochmal - allerdings ohne Kostüme und Requisiten, weil die dann schon im Theater eingerichtet sind. Freitag Nachmittag gehen wir dann das erste Mal auf die große Bühne zum durchlaufen. Abends dann Premiere.”

    WAAAH!!!

  3. Nadine sagt:

    Bedeutet das, du wirst vielleicht noch rausgeschrieben und kannst doch zur Premiere kommen?

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